Offene Ganztags-Grundschule. Ein Dozent hat abgesagt. Ich springe ein und habe plötzlich 3 Kurse anstatt 1.

Im ersten Kurs erwarte ich 1.- und 2.-Klässler zum Fischertechnikkurs. Zwei Jungs stürmen ins Klassenzimmer, rennen an mir vorbei und schauen sich die Baupläne an, die auf einem Tisch liegen. Sie interessieren sich null für mich; sie wollen sofort loslegen und bauen!

Die anderen trudeln ein, wir holen die Baukästen aus dem Schrank, halten eine Vorstellungsrunde ab und fangen dann einfach mal an. Und wie! Kein Kind hat Erfahrung mit Fischertechnik. Aber das ist egal – in nullkommanichts erproben sie sich. Zwei winzig kleine Erstklässler, die ich am liebsten an der Hand geführt hätte, weil sie so klein sind, beschäftigen sich entdeckerfreudig mit ganz einfachen Bauplänen. Die Kinder arbeiten im stehen, sind viel zu ungeduldig. Ich fordere alle auf, die Stühle einfach wegzuschieben, wenn sie sich lieber dabei bewegen möchten. Die ersten beiden Jungs wollen sich nicht an Baupläne halten. Ihre Kreativität führt sie. Viele Fragen, viel ausprobieren. Teile suchen, die Logik der Pläne verstehen. Die Steckverbindungen sind für die 1.Klässler eine Herausforderung. Aber sie schaffen es! Eins, zwei, drei, vier Kinder liefern die ersten einfachen Bauten ab. Das Kreativteam hat noch länger zu schaffen. Die kleinsten kämpfen sich durch und geben nicht auf! Längst ist die Stunde um. Schnell zeigt jeder, was er gebaut hat. Zusammen entwerfen wir einen ziemlich abenteuerlichen Freizeitpark! Meine Aufforderungen zum Einpacken werden ignoriert – sie wollen fertig bekommen, was sie angefangen haben. Sie wollen weitermachen – das sagen sie auch. „Wir müssten den ganzen Tag dafür Zeit haben“, meint ein Kind. So viel Spaß macht das.

Der zweite Kurs beginnt chaotisch – mehrere Kinder finden den Raum nicht und müssen eingesammelt werden. Verspätet beginnen wir den „Unterricht“ in Sachen „Fliegen, Flugzeuge und Raketen“. Vorstellungsrunde. Die Gruppe ist ruhiger als die vorherige, denn viele waren heute auf dem Bauernhof. Brot backen. Ach ist das aufregend … Was machen wir? Abspecken. Zeit zu knapp. Wir entscheiden uns gemeinsam dafür, heute nur zu basteln. Flugobjekte, der Natur nachgemacht. Pflanzensamen „segeln“ und „schweben“ durch die Luft – das wollen wir nachbauen. Warum drehen sich Propeller, warum nicht? Wozu tun Baumsamen das? Ein einfacher Propeller aus Papier und Büroklammer wird von der Größten (Tochter der Dozentin) erklärt und mit Begeisterung von den andern nachgebaut und ausprobiert. Dazu steigt je ein Kind auf einen Tisch und lässt fliegen, was es gebaut hat. Wir sind Forscher! Wollen herausfinden, wie sich der Flug verändert, wenn wir Gewicht dranhängen. Derweil schneide ich Fallschirme aus Mülltüten zu. Da müssen Fäden ran. Die Jungs kämpfen auffalllen geduldig mit ihrer Feinmotorig; ich helfe ihnen beim Knoten machen. Die beiden Mädchen kriegen das alleine hin. Fallschirmfliegen ohne Gewicht dran? Wird ausprobiert, geht nicht gut. Das Ding dreht sich und platscht runter. Ein Gewicht muss ran – doch wie schwer? Die Kids probieren es aus; der Tisch, der als Berg zum Abfliegen dient, ist schon ganz schmutzig. Mist, die Zeit ist um! Leider müssen wir schlussmachen. Packt ein, nehmt mit was ihr gebaut und probiert es zuhause weiter.

Das tun sie! Zwei Kinder berichten mir am nächsten Tag, was sie mit Propeller und Fallschirm noch gemacht haben … Forschen macht Spaß!


Am nächsten Tag wird es spannend. Mädchengruppe. Mit ziemlich klugen Mädchen. Wir wollen programmieren. Mit Scratch. Einer visuellen Programmiersprache, in der Kinder interaktive Medien wie Geschichten, Spiele und Animationen programmieren können. Klingt nach einer Herausforderung … Ist es auch. Aber für die einen mehr, für die anderen weniger. Die Motiviertesten kommen viel zu früh, sind ganz hippelig. Auf meine Empfehlung hin, gehen sie sich draußen noch ein bisschen austoben. Als alle da sind, spüre ich die Aufregung. Ungeduld, wann geht es los? Wir stellen uns im Stehen vor; zwei sind dabei ständig in Bewegung. Und dann will keiner mehr zuhören! PC´s werden angeschmissen, Computerteile nebenbei erklärt. Einige sind PC-erfahren, andere nicht. Die Mädels mit Erfahrung fliegen los, nachdem wir unser Programm gestartet haben. Zuhören? Sich etwas erklären lassen? Nein, ausprobieren. Selbstmachen. Sie haben keine Erfahrung mit Scratch. Das Programm hat umfangreiche Funktionen – erklärungsbedürftige? Ja, teils ja. Aber intuitiv erfassen die meisten Kinder von alleine, wie es geht. Heute beschäftigen sie sich hauptsächlich mit dem Malen von Hintergründen. Eine progammiert schon die Figuren … Zwei, drei könnten Anleitung brauchen und ich kündige an, dass wir beim nächsten Mal die Funktionen besprechen. Aber ubs – ein Blick auf die Uhr! Wir haben überzogen! 10 Minuten. Ein Mädchen muss zum Bus. Schnell speichern und los! Einige maulen, sie wollen weitermachen! Aber wir sehen uns ja nächste Woche wieder. Ein Mädchen kommt zurückgeflitzt und meint: „Das hat total viel Spaß gemacht!“ Freu …

Am nachmittag rufe ich eine Mutter an und gebe ihr den Link zum Download der Software. Sie meinte: „Ach, dass ist gut. Meine Tochter ist schon im Internet am Suchen danach …“

Soviel Wissbegierde und Motivation. So begeisterte Forscher und Erfinder, Ingenieure von morgen. Wie kann es bloss passieren, dass Kinder ihre Lernmotivation verlieren?

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